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Die Reise des Johann Adam Kuhn nach Brasilien

Von Helmut Kuhn

(der Bericht wurde verschiedentlich in brasilianischen Zeitungen veröffentlicht)

Als Johann Adam Kuhn, Bauernsohn und Weber, geboren in Hahn im Hunsrück, 1827 in die neue Welt aufbrach, träumte im nahen Trier der junge erst 9 jährige Rechtsanwaltssohn Karl Marx wohl noch nicht von der sozialen Frage und der Expropriation der Expropriateure. Dennoch waren die einfachen Menschen in dieser beginnenden, als Vormärz bezeichnenden Epoche zermürbt. Johann Adam war 1791 noch in die von den badischen Markgrafen beherrschte feudalistische Welt geboren. Er war gerade mal drei Jahre alt, da flohen die erlauchten Fürsten und die französische Armee besetzte den Hunsrück. Es begann die Besatzungszeit der Franzosen und deren zwei Jahrzehnte herrschende Fremdherrschaft in der Heimat. Der Hunsrück gehörte nun zum besetzten Département de Rhin-et-Moselle. Dann wurde es Nacht und die Preußen kamen. Ab 1815 gehörte der Hunsrück zur preußischen Rheinprovinz. Die neuen Tugenden waren nun Befehl, Kadavergehorsam und Demokratiefeindlichkeit, welche ihnen der Soldatenkönig aufzwang.

"Oh, König von Preußen, du großer Potentat, wie sind wir deines Dienstes so überdrüssig satt. Was fangen wir jetzt an in diesem Jammertal, allwo ist nichts zu finden als Not und lauter Qual."

Die Zeilen dieses Liedes gaben vermutlich die Stimmung seiner Untertanen im Hunsrück wider. Die Preußen begannen ihr Land in eine Militärgarnison zu verwandeln. Polen und Sachsen waren dem König wichtiger als die Lage der verarmten Hunsrücker, fernab irgendwo in der Rheinprovinz.

Oder wie es Walter Flex treffend formulierte: „Wer je auf Preußens Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selbst gehört.“ In genau dieser Zeit der tiefsten Unzufriedenheit zogen Werber des brasilianischen Kaisers über den Hunsrück. Geleitet von einem aus Unterfranken stammenden Major von Schäffer weckten Agenten des Kaisers von Brasilien, die Sehnsucht der Menschen nach einer besseren Welt.

„Hunsrücker, der Kaiser von Brasilien, Dom Pedro I. hat mich beauftragt euch in sein Land einzuladen. In Brasilien gibt es genug Ackerland und Platz für euch alle. Niemand braucht zu hungern. Niemand wird von euch Steuern verlangen und euere Söhne müssen nicht zum Militär. Verlasst das Land der Armut. Das reiche Land Brasilien braucht euch!“
[..] „Nur 200 Rheinische Gulden kostet die Überfahrt für Männer. Weiber und Kinder die Hälfte. Etwa 75 extra für den Transport auf dem Rhein incl. Gepäck und Einschiffung.“ .

Das was die Werber verkündete, klang gut in den Ohren der Menschen im Hunsrück. Hatten sie doch nichts zu verlieren. 1824 sind die ersten Hunsrücker nach Brasilien ausgewandert und zahlreiche Briefe in die Heimat zeugten von Zuversicht und sorgten gleichfalls für ein flächenübergreifendes regelrechtes Auswanderungsfieber. So berichtet der Simmerner Landrat anfangs 1827 von einem Brief des „Seminaristen Peter Paul Müller aus Ohlweiler“ der 1825 ausgewandert war. Seine Schilderungen machten gezielt die Runde in den Hunsrückdörfern. Kesselflicker, Besenbinder und andere gewöhnlich gut informierte Kreise sorgten für deren bereitwillige Verbreitung.

„Hannes, Hannes, zieh mit mir, nach Brasilien wollen wir. In das Land so riesengroß, die Grumbiern wie en Kopp so groß.“ Dieses (Volks-)Lied, gesungen zur Drehorgel machte die Runde auf den Höhen zwischen Rhein, Mosel, Saar und Nahe und hat sich bis heute in Rio Grande do Sul erhalten. Der Simmerner Bürgermeister Rottmann (1799-1881) war auch bei Johann Adam für seine derben Sprüche bekannt. Später ließ er in einem Gedicht „Lisekett“ in Versform fragen: Willst Dau, Hannes, noh Bresilje ziehe, wo Deich Schlange unn die Affe kriehe?

Bereits 1825 finden wir in den ersten Einwanderer-Verzeichnissen Hunsrücker in den Listen des Kaiserreiches Brasilien. Viele Namen stammen aus dem östlichen Hunsrück. Der Landrat Schmidt aus Simmern berichtet im März 1825 in den ersten findbaren Unterlagen an die Regierung, von einer „Sucht“ der „Auswanderungsbegehren“, bei denen sich bereits 60 Familien gemeldet hätten. 1826 wurden es schon mehr, und schließlich greift ab 1827 die Bewegung wie ein Flächenbrand auf den weiteren Hunsrück zwischen Nahe und Mosel über. Sie erreicht die Moseldörfer bis Trier, die Eifel, Teile von Luxemburg werden erfasst und schließlich der Saargau bis zurück ins Sankt Wendeler Land. Die meisten Auswanderer verließen ihre Heimat im Besitz ordnungsgemäßer Papiere, das heißt, sie hatten auf dem zuständigen Amt einen Antrag zwecks Entlassung aus dem Staatsverband gestellt. Also als Staatenlose.

Vieles spricht dafür, dass Johann Adam Kuhn, seine Frau Anna Catharina geb. Hess geboren in Niederweiler und ihre Kinder Maria Magdalena und Johann Jakob, heimlich nach Brasilien reisten. Im erwähnten Bericht des Landrates an die „hochwohllöbliche Regierung“ wird vermerkt, dass „zur Werbung und zur Vorbereitung der Auswanderung  nach Brasilien“ in einzelnen Orten Versammlungen stattfanden. Zwei mit der Überwachung in Ohlweiler beauftragte Landjäger hätten erfahren: „Ein Schiffskapitän aus Amsterdam will die Auswanderungslustigen, wenn ihre Zahl auf 300 Köpfe und mehr beläuft, nach Rio de Janeiro bringen, gegen Bezahlung von 140 fl. (Florin rheinische Gulden) Die restlichen Reisekosten sollen zur Hälfte bei der Ankunft entrichtet werden. Der Termin ist zu Anfang des Maimonates festgesetzt und Boppard als der Einschiffungsort bestimmt.“ Wir erfahren, dass die Auswanderer von Boppard aus, um wegen mangelnden Pässen keine Anfechtungen zu befürchten, rheinabwärts direkt „mit kleineren Schiffen“ auf bereitliegende Seeschiffe in Amsterdam gebracht werden sollten.

Schließlich regelte Art. 5 des Ersten Pariser Friedens vom 30. März 1814 die Freiheit der Rheinschifffahrt „für jedermann von dem Punkt an, wo der Rhein schiffbar werde, bis zu seinem Ausfluss“. Mit Hinweis auf die Verfügung vom 24.04.1825 bedauerte der Herr Landrat, dass er sich nicht befugt hielte „irgend einen amtlichen Schritt gegen die Versammlung zu tun, die aus Leuten aus dem hiesigen Kreise und den benachbarten Kreisen, aus dem Regierungsbezirk Trier und den angrenzenden Nachbarstaaten bestand.“ Aber seiner wohllöblichen Regierung wollte er dennoch Anzeige von diesem Tun machen. Heute können wir dank umfänglichen Schilderungen in vielen Briefen in die Heimat wesentliche Details der Reise und auch der schwierigen Anfangsjahre unserer Hunsrücker nachvollziehen. So war Peter Tatsch aus Raversbeuren ein sehr schreibfreudiger Mann und seine Nachfahren verwahren dankenswerter Weise diese Dokumente heute noch auf. Carlos H. Hunsche der große brasilianische Einwandererhistoriker veröffentlichte  ein Brief der Gebrüder Kaiser an ihren daheimgebliebenen Bruder in Simmern unter Dhaun. Beide Dokumentensammlungen lassen uns ausführlich, erschöpfend und umfangreich die Reise nach Brasilien nachvollziehen. Sie sind ein Quellenmaterial erster Güte.

Der Tag war da. Die Menschen nahmen schweren Herzens Abschied von ihren Angehörigen und Freunden. Die Hoffnung auf bessere Zeiten war stärker als ihre Leidensfähigkeit. Es war ihnen bewusst, dass sie die geliebte Heimat mit den vertrauten Menschen nie mehr wieder sehen werden. Sie mussten sich von geschätzten, liebgewordenen Menschen trennen und von dem größten Teil ihrer spärlichen Habseligkeiten. Verwandte und Nachbarn brachten sie mit Ochsenkarren nach Boppard. Unterwegs, an weiteren Sammelpunkten, trafen sie sich mit weiteren Schicksalsgefährten. Allein diese Reise war bereits ein Abenteuer. Es galt sich ja auch zu schützen vor marodierenden Banden, die immer noch auf dem Hunsrück ihr Unwesen trieben. Wir können nur vermuten, wie hart der Abschied in Boppard war. Ein paar Schritte vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens.
Allen war bewusst, dass von nun an auf immer und ewig alle Verbindungen abgebrochen wurden. Viele Bauersleute hatten noch nie ein Schiff gesehen. Die Kinder fanden es wohl aufregend als die Schiffsglocke der Heimat ein letztes Lebewohl zu läutete. Aus einem Brief von Peter Tatsch wissen wir, dass die Schiffer Peter Lewig und Josef Leineweber aus Bingen die Auswanderer stromabwärts bis Amsterdam brachten. Am 1. Juni 1827 bestiegen die Auswanderer in Boppard ihre Schiffe um rheinabwärts nach Amsterdam zu fahren. „Nun ade du mein lieb Heimatland…..“ wird wohl auch in Boppard zum Abschied erklungen sein.

Die Schiffsleute waren erfahren mit Reisen zu Berg und zu Tal. Ihr Schiff, eine Rhein-Aak hielt seit Jahren den Widrigkeiten um das Binger Loch und den Klippen am Mittelrhein stand. Zudem waren erfahren genug um bis zur Mündung des Rheinstromes zu fahren. Seit Jahren trieb man schließlich auch Handel zwischen dem Mittelrhein und Rhein-Anliegerstaaten. Amsterdam war ein vertrauter Hafen. Die Stadt Amsterdam und ihr Hafen waren seit Jahrhunderten eng miteinander verknüpft und ein Umschlaghafen für heimische Erzeugnisse.
Der Rumpf dieser Kähne war ein Plattboden mit einem leichten Kiel. Bug und Achterschiff waren damals rund. Back- und Steuerbords gab es zum Manövrieren lange, schmale Seitenschwerter.

Rheinabwärts, zu Tal, ging die Fahrt fließend. 8-10 km je Stunde bringt dabei ein Schiff im Gebirge. Schiffer und Flößer vom Mittelrhein fuhren seit Jahrhunderten, in alter Schiffertradition ebenso bereits bis zur Mündung. Wie wir lesen, machten unsere beiden Rheinschiffer aus Bingen einen guten Job und brachten die Hunsrücker ordentlich nach Holland.

Die Verwandtschaft von Peter Tatsch aus Raversbeuren haben dankenswerter Weise sämtliche Briefe archiviert, gepflegt und transkribiert. So wissen wir aus einem Brief von ihm, den er am 15. Juni 1827 aus Amsterdam in die Heimat schickte, dass sie am Tag darauf an Bord des Seglers „Epaminondas“ gegangen sind. Also zwei Wochen nach Abreise in Boppard am Rhein.

„Bisher ist noch nichts Merkwürdiges passiert, außer dass die Frau eines gewissen Fallers aus Niederweiler hier in Amsterdam verstorben ist.“ so berichtete er in die Heimat. Ob die arme Ehefrau und Mutter an gebrochenen Herzen oder an einer der grassierenden, infektiösen Krankheiten gestorben ist, welche sich in den Hafenstädten breit machten, liegt im Dunkeln. Im Verlauf der Recherchen fand man die Totenliste, in der als Sterbeort von drei Frauen der Gruppe, schon „Im Texel“ angegeben wird. Der westlichste der Westfriesischen Inseln. Also bereits vier Tote, bevor es auf große Fahrt ging! Der schlechte Ernährungszustand machte die Menschen offensichtlich auch anfällig für Krankheiten. Hatten sie sich doch die Reise vom Mund abgespart.

„Wenn die Cholera grassiert reichten die Leichenwagen in der Stadt nicht aus um die Toten fortzuschaffen“, heißt es in einem damaligen Bericht der Amsterdamer Gesundheitspolizei. Hafenstädte jener Zeit wurden periodisch von schlimmen Krankheiten heimgesucht, die zumeist auf dem Seeweg aus allen Erdteilen eingeschleppt wurden. Cholera, das „Gelbe Fieber“, wütete bereits, bevor die Behörden an ihr Vorhandensein glaubten. Mangels Kanalisation floss das Abwasser in Kanäle und Krachten, verseuchte das Trinkwasser. Die Seefahrer fürchteten die zahllosen Gelbfieber.- Pest,- und Cholerahäfen, zu denen auch Amsterdam einst zählte. Wegen mangelnder Hygiene waren die Seuchen ständige Begleiter zwischen den Schiffsplanken. Ratten vermehrten sich ebenso reichlich. Flöhe und Läuse nisteten sich ein und übertrugen Krankheiten. Die Plagegeister zählten zu den ständigen Passagieren. Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein war auch der Skorbut eine geradezu typische Erkrankung auf Segelschiffen in aller Welt. Vitaminmangel während langen Reisen rafften ganze Besatzungen dahin. Wasser wurde in Fässern und hölzernen Tanks mitgenommen, in denen es bei längeren Seereisen faulte und sich Keime entwickelten. Dies führte zu grassierendem "Schiffsfieber" (Typhus) und anderen, bösartigen Krankheiten unter Passagieren und Besatzungen.

Nun ging es an Bord. Unsere Ahnen tauschten die Kümmernisse der Heimat gegen die Stürme des Meeres. Als Fracht, nicht als Menschen. Dicht gedrängt auf engstem Raum im Zwischendeck, oft ohne Tageslicht und Frischluft wurde die Reise angetreten. Passagiere als Ware und Ladungsgegenstände. Der Angstschweiß vermischte sich ständig mit den Hinterlassenschaften der Seekrankheit. Der süße Gestank der faulenden Lebensmittel konnte dies nicht überdecken. Vor diesen Symptomen einer längeren Leidenskette war kaum jemand gefeit. Hinzu kam die Seekrankheit.

Zwischen den Jahren 1824 bis 1829 kamen 27 Auswandererschiffe in Rio de Janeiro an. Chronisten berichten dabei über zahlreiche Unglücksfahrten. Heinz Schmidt, ein befreundeter brasilianischer Forscher, der sich sehr intensiv mit der Auswanderung in dieser Zeit beschäftigte, fand in Aufzeichnungen u.a. bei Carlos Hunsche heraus, dass ausweislich eines Briefes der Kolonistenbrüder Kayser in die Heimat, das Schiff Epaminondas unter Kapitän Coneraad Brandligt am 7. Juli 1827 im Texel bei Amsterdam die Anker lichtete und am 28. September Rio de Janeiro erreichte.
Das Stadtarchiv in Amsterdam bewahrt die „Monsterrolle voor de Zeevarenden“ und überließ dankenswerter Weise dem Verfasser eine Kopie dieser wichtigen Urkunde. Das Dokument enthält die Namen von 23 Besatzungsmitgliedern des unter holländischer Flagge segelnden Schiffes einschließlich des Kapitäns, datiert vom 1. Juni 1827. Weitere Recherchen ergaben, dass sich in der Zeitung „Amsterdamsche Courant“ unter der lokalen Rubrik „Schiffahrtsnachrichten“ am 9. Juli 1827 die Meldung befindet: „dass viele Deutsche in der Stadt angekommen sind, mit der Absicht nach Amerika auszuwandern.“ Schließlich existiert ein weiteres Dokument, nämlich der Reisepass des Auswanderers Phillipp Fuchs, der auf der Rückseite die Erlaubnis der Behörden aus Amsterdam vom 4. Juli 1827 enthält, mit seiner Familie auswandern zu dürfen. Hunsche schlussfolgert auf Grund der starken Besatzung, dass die Epaminondas ein beträchtlich großes Schiff war. Er stellte ebenso fest, es unter holländischer Flagge segelte. Möglicherweise war es ein Dreimaster. Es ist anzunehmen, dass in dessen Windschatten weitere Auswanderer mit dem Schiff „Fliegender Adler“ (am 16.12.1827 in Sao Leopoldo gelandet) die weite Reise angetreten haben. Schmidt verwies auf Hinweise von Hunsche über die Existenz einer Urkunde aus Rio de Janeiro, aus der hervorgeht, dass die brasilianische Regierung dem Kapitän Brandligth „12.089 florins und 17 stubas für die Verfrachtung zahlte. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass diese Summe nur ein Teil der Reisezahlungen war. Es lässt aber auch vermuten, dass die Auswanderer vor der Abfahrt in Amsterdam dem Kapitän ebenfalls Zahlungen leisten mussten. Auf Anfrage bestätigte das Niederländische Schifffahrtsmuseum in Amsterdam die Abreise- und Ankunftsdaten. Der Direktor des Maritimmuseums auf der Nordseeinsel Texel stellt fest: „Eine Runde in unserem Archiv hat folgendes ergeben: Die Epaminondas war ein Linienschiff, welches noch laut dem letzten Emigrationsrapport bis 1857 auf New York fuhr. Die Segelschiffe kamen erst nach Texel, um Trinkwasser und Proviant zu bunkern. Manchmal kam auch ein Teil der Besatzung hier an Bord und wartete dann auf der Reede von Texel bis Ostwind kam und gesegelt werden konnte.“

Mit Sicherheit wissen wir, dass dieses unter holländischer Flagge segelnde Schiff nicht auf der Charter-Liste des Major von Schäffer stand. Dessen Segler kamen mehrheitlich zu jener Zeit aus Bremen. Erinnern wir uns an den Bericht des Landrates von Simmern, dass ein „Schiffskapitän aus Amsterdam“ 140 fl Rheinische Gulden für die Passage nach Rio de Janeiro verlangt hätte. Ein Auswanderer aus Ohlweiler schrieb, dass der Kaiser von Brasilien überrascht war, dass sie „ohne sein und des Major Schäffers Bewusstsein gekommen wären.“ J. von Olfers, der damalige preußische Vertreter in Rio berichtete: “Vom Rhein sind einige hundert Kolonisten angekommen, meist brave Leute, Handwerker und Landbauern. Der holländische Schiffsführer habe sie schlecht behandelt und die armen Leute sehr geprellt.“

Pater Amstaadt schreibt in „Hundert Jahre Deutschtum in Brasilien“, dass 1827 zwei Schiffe mit 1088 Kolonisten angetroffen sind. Berichte von sieben Unglücksschiffen unter 50 Überseefahrten zwischen 1824 und 1830 zeugen von den Gefahren einer Atlantiküberquerung. Die Seefahrt ging von Texel entlang an Klippen und Felsen durch den Kanal bei Calais vorbei an der Insel Wight. Captain Brandligth wusste woher der Wind weht. Vorbei an Porto Santo, die Kanaren bei Palma kreuzen. Dann durch den Golf von Biskaya mit seinen bekannten Gefahren. Holländische Kapitäne landeten meist bei der zu Porto Praijo gehörenden Festung San Jago auf den Kapverdischen Inseln. Sie war Teil ihres Königreiches. Hier wurde noch einmal vor der großen, langen Überfahrt Wasser und Nahrungsmittel gebunkert. Die Kapverden, unweit der afrikanischen Küste gelegen, galten als Drehscheibe des Sklavenhandels während der Kolonialzeit. Mit Unterstützung des Nordost Passatwinds ging es hart Steuerbord auf die Südatlantikroute. Selbst erfahrene Gebieter über Sextant und Kompass fürchteten die wütenden Stürme und damit einhergehenden haushohen Wellen. Unzählige Seemannsgräber säumen diesen Breitengrad. Mit zunehmenden Windgeschwindigkeiten und prallen Segeln ging es Richtung „Neuer Welt“. Vieles spricht dafür, dass die Epaminondas zuvor als Sklavenschiff zwischen Afrika und Amerika segelte. Auf der Reise fanden weitere 37 unserer Auswanderer ein Grab auf dem Grunde des Ozeans.

In seiner Reisebeschreibung lesen wir bei Schumacher: „Die bedauernswerten wurden unmittelbar nach ihrem Tod, um Ansteckungen zu verhindern, in Leinwand gewickelt und unmittelbar über Bord gesetzt und unter dem bei entblößtem Haupte gehaltenen Gebet Aller, in den Wellen begraben.[…] Krankenlokale wurden täglich ausgeräuchert um die Gesundheit der Leute zu erhalten.“

Einige litten furchtbar und starben an Blattern, für welche es keine Medikamenten an Bord gab. Standartmedikamente an Bord waren Salmiak, Brust- und Nierentee sowie die Allheilmittel Rizinusöl und Bittersalz.

Im Amtsblatt Nr. 35, vom 26. August 1828 in Coblenz, lesen wir, dass im Zusammenhang mit der Überfahrt der Epaminondas von den 558 Auswanderern insgesamt 49 namentlich aufgeführte Personen verstorben sind. 1 Person auf der Rheinfahrt. 3 Personen „Im Texel“. 37 Personen „in See“ und 8 „Zu Rio“. Bei Carlos H. Hunsche lesen wir in seinem Artikel: “Vor 150 Jahren in São Leopoldo“ Zitate aus einem Brief der Gebrüder Kayser aus Simmern unter Daun an den daheimgebliebenen Bruder. Die Brüder Johannes, Peter und Nikolaus Kayser berichteten traurig nach Simmern: „Unter der Sonnenlinie starb auf dem Weltmeer Deines Bruders Tochter, Philipine, im zarten Alter von sechseinhalb Jahren und vier Tagen. Danach verschied gleichfalls auf offener See die Schwester unserer Mutter. Das Grab dieser Teuren und Geliebten wurden die Wellen des Meeres; doch ihr Geist schwebt längst verklärt vor Gottes Angesicht.“ Hunsche stellt fest: „ Mit unerschütterlichen Gottesglauben ertrugen damals die Familie Kayser die schwersten Schicksalsschläge. Sie verloren auf der Ozeanreise nicht nur die kleine Tochter und die mitfahrende Tante, sondern auch beide Eltern.“

Endlich! Wer schon einmal den Zuckerhut und Corcovado erlebt hat, kann nachvollziehen, was unsere Hunsrücker empfanden, als sie in die Guanabara Bucht von Rio de Janeiro segelten. Sie waren endlich dem Ziel ihrer Träume näher gekommen und hatten die unsäglichen Strapazen der Atlantiküberquerung überwunden. Ängste und Nöte der langen Überfahrt traten in den Hintergrund. Fortan waren sie Kolonisten. Dies stand schwarz auf weiß mit großen Lettern auf der Urkunde, welche sie von der Einwanderungsbehörde überreicht bekamen. Im Namen des Regenten Kaisers Dom Pedro I. aus dem Hause Bragança wurden sie willkommen geheißen Der Kaiser, mit seiner Gemahlin, hatte großes Interesse daran, dass die Siedler ordentlich aufgenommen wurden. Gleichwohl war der Abgesandte überrascht, dass die Epaminondas ohne die Organisation des Major von Schäffer nach Brasilien kam.

Nach einer Woche Aufenthalt, 8 Tote mussten noch in Würde beigesetzt werden, ging es dann zur Endstation Sehnsucht. Die Kolonisten bestiegen das Küstenschiff „Dido“ unter Captain José Gomen Cardia nach Porto Alegre (Fröhlicher Hafen) im Staate Rio Grande do Sul. Am Rio dos Sinos lagen zwei kaiserliche Besitzungen.

In der Urwaldpikade Baumschneis bei Dois Irmáos feierten die Familien bereits auf eigenem Grund und Boden das Weihnachtsfest. Übrigens heiratete die 14jährige Tochter ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft den Heinrich Jakob Altmayer aus Dillendorf. Diese "Vernunftsehe" bewahrte den ledigen Burschen davor, im hinteren Urwald zu siedeln, denn nur Verheiratete erhielten abgesteckte Kolonielose vorne im Tal. Maria Magdalena starb im Greisenalter von 87 Jahren und hinterließ 13 Kinder. Man kann nur erahnen von wie viel Brasilianern sie heute die Stammmutter ist. Nach hundert Jahren waren es 1005 Nachfahren, welche Hunsrücker Gene in sich trugen. Danach hat man nicht mehr gezählt.

Die Eheleute Jakob Kuhn brachten es nur auf acht Kinder, aber immerhin auch auf 629 Nachkommen in 100 Jahren
Mit der Familie seines Sohnes Jakob siedelte der alte Kolonist nach dreißig Jahren in die damals neu angelegte Kolonie Estrela.

Bei Arroio do Ouro erwarben sie, zwischenzeitlich wohlhabend, 5 Landstücke für die Söhne. Heute halten Nachfahren von Johann Adam Kuhn aus Brasilien und ihrer Verwandtschaft aus Deutschland regen Kontakt und besucht sich gegenseitig. Bei Familientreffen fanden sich in Missiones/Argentinien und in Arroio do Meio/Brasilien beim ersten Mal 450 und beim zweiten Mal 500 Namensträger Kuhn ein. Dabei hatten Familienforscher Hochkonjunktur und konnten die Teilnehmer endlich den unterschiedlichen Familienstämmen zuordnen. Bei vielen wurde dadurch das Klettern im eigenen Stammbaum zu einer neuen Leidenschaft.

Südamerika

Die Auswanderung aus dem Tecklenburger Land nach Brasilien begann ungefähr um 1865. Angeregt wurden die Auswanderer durch den evangelischen Pfarrer Wilhelm Kleingünther aus Ibbenbüren. Er ging als deutscher Pfarrer nach Porto Alegre im Bundesstaat Rio Grande do Sul im Süden Brasiliens. Er warb hier für die Auswanderung nach Brasilien, woraufhin mehrere Personen aus Leeden mit ihm gingen und den Ort Teutonia gründeten.

Jeder Auswanderer erhielt 300 Morgen Land für 300 Taler zugewiesen. Angebaut wurden Mais, Kartoffeln, Getreide, Kaffee, Tabak, schwarze Bohnen, Gemüse und Früchte.

Gräbersuche zwischen Hunsrück und Südamerika

von Helmut Kuhn

Nachdem Helmut Kuhn im letzten Heft der "Hunsrücker Heimatblätter" die Auswanderung seines Vorfahren Johann Adam Kuhn aus Hahn nach Brasilien ausführlich beschrieben hat, macht er sich nun auf die Suche nach Zeugnis­sen über dessen Leben und Sterben in der neuen Heimat Brasilien. Über seine Nachforschungen hat er im März 2015 den Hunsrücker Familienforschern in Ravengiersburg berichtet. Nach einer redaktionellen Überarbeitung drucken wir seinen Vortrag leicht gekürzt hier ab, weil das Interesse an der Familienforschung von Seiten der zahlreich ausgewanderten Hunsrücker immer mehr zunimmt! (w. Heinemann)

Genealogie in Stein gemeißelt - Familiengeschichte hinter Friedhofsmauern

Neben Ortsfamilienbüchern, Ahnenlisten und Stammbäumen als personengeschichtliche Sekundärquellen nehmen in der Familienforschung immer häufiger Grabstätten auf Friedhöfen eine bedeutende Rolle ein. Im Internet finden sich vermehrt solche Dokumentationen. Zahlreiche Arbeitskreise haben sich gebildet und tauschen sich weltweit aus. Diese in Stein gemeißelten Dokumente gewähren Einblicke in das Leben Verstorbener sowie deren Daten von Geburt und Tod, überliefern Namen von nahen Verwandten oder bekannten Persönlichkeiten.

Aber auch die Bestattungskultur mit speziellen Grabformen der jeweiligen Vergangenheit wird dokumentiert. Im Laufe der Zeit sind viele Grabinschriften verblasst und nicht mehr lesbar. Aus diesem Grunde finden sich immer mehr Menschen bereit, Grabsteine und ihre wertvollen Informationen für die Nachwelt zu bewahren, zu restaurieren und damit zu retten.

Konkret soll von Grabstätten deutschstämmiger Auswanderer und ihrer Nachkommen in Südamerika berichtet werden, aus Brasilien und Argentinien und besonders von Hunsrückern, die zu den ersten Einwanderern zählten und dort die Provinz Rio Grande do Sul rund um Sao Leopoldo und Neu-Hamburg besiedelt haben. Der heute noch weit verbreitete Zusammenhalt der Familien ist beeindruckend und kommt einem bei Exkursionen zwischen Gräberfeldern auf verschiedenen Friedhöfen zupass.

Wer die Nutzungsfristen und Ruhezeiten auf deutschen Friedhöfen kennt, stellt verwundert fest, wie über Generationen hinweg die Grabstätten der Ahnen in Südbrasilien gepflegt und als familiäres Kulturerbe erhalten und gepflegt werden. Es hat sich dabei ein starkes Bedürfnis nach familiärer Bindung auch über den Tod hinaus entwickelt. Nach 180 Jahren bestehen auch noch Kontakte nach Deutschland zu zahlreichen Verwandten, die von unserer gemeinsamen Hunsrücker Familie abstammen und denen dies auch noch bewusst ist. Biographien der Vorfahren fesseln, und der familiäre Zusammenhalt berührt und fasziniert immer noch. Das Internet trägt seinen verbindenden Teil dazu bei.

Die eindrucksvollen Abenteuer der Schiffsreise 1827, als zwei Kuhn-Familien vom Hunsrück aus illegal auswanderten und sich in der neuen Welt eine Existenz aufbauten, war Anhaltspunkt für unsere Nachforschunqen. Weitere Familien folgten deren Beispiel, die einen innerhalb Rio Grande do Sul/Brasilien und die anderen auf ihrer späteren, weiteren Wanderungen in der Provinz Misiones/Argentinien und neuerdings nach Mato Grosso. Der Familienzusammenhalt blieb bestehen. Es gab im Verlauf der Jahre mehrere Familientreffen mit bis zu 600 Angehörigen der Kuhn-Familie aus allen Teilen Südamerikas. Das brachte mich zu der Erkenntnis: "Wo es keine Kuhne mehr gibt, ist die Welt zu Ende". Die Brasilianer sind nicht so zurückhaltend. Dort sagt man: "Existem Kuhn como meto." d.h. "Kuhne gibt es wie Unkraut."

Bild 1 (Helmut Kuhn)
Bild 2 (Helmut Kuhn)

Mit dem Schiff ging die einst denkwürdige Reise der Ahnen von den Höhen des Hunsrücks in das Tal des Mittelrheines und dann ab Boppard rheinabwärts nach Amsterdam, wie oben beschrieben (Vg. Anm. 1, Bild 1).

Bevor das holländische Schiff Epaminondas von Texel aus in See stach, verstarben bereits zwei Frauen und zwei Kinder. Die erste war Maria Elisabeth Faller (27) aus Niederweiler. Sie kam aus dem glei­chen landwirtschaftlich geprägten Dorf, aus dem auch die Familie des Johann Adam Kuhn ihre Reise antrat.
Sie fand bereits in Amsterdam auf dem Friedhof der Namenlosen, ohne Grabstein und Inschrift, ihre letzte Ruhe. (Bild 3). Die Familie musste ohne die geliebte Mutter weiter reisen.
Die 35jährige Anna Katharina Martini aus Womrath und die 11 jährige Margarethe Sonnet aus Daxweiler und der 3 Monate alte Säugling Susanne Ries aus Perscheid verstarben auf dem Weg zur Nordsee und wurden auf dem Friedhof Oudeschild auf Texel, der westfriesischen Nordseeinsel beerdigt (Bild 3)

Bild 3 (Helmut Kuhn)

Bei diesem "Beqraafplaats" in der niederländischen Provinz Nordholland handelte es sich um eine Begräbnisstätte, auf der hauptsächlich die am Strand angeschwemmten unbekannten Toten ihre letzte Ruhestätte fanden. Wenigstens ein schlichtes Holzkreuz setzte man auf den Gottesacker. Die Beisetzung, sofern man davon sprechen kann, fand ohne großen Aufwand statt, wobei die Leichen in roh gezimmerten Särgen im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Friedhofsbereich für Namenlose verscharrt wurden. Von einer würdevollen und persönlichen Trauerfeier, welche dem Dank und Respekt dem Verstorbenen gegenüber dienen sollte, können wir nicht reden. Die Reise musste schließlich weiter gehen. Viele Details und Etappen dieser Auswanderung sind mit Dokumenten erfasst und belegt. Auch das Koblenzer Amtsblatt 1827/28 berichtet über die Verluste unter den Auswanderern und nennt die Namen der Toten und deren Begräbnisstätten. Als Fracht, nicht als Menschen, dicht gedrängt auf engstem Raum im Zwischendeck, oft ohne Tageslicht und Frischluft, traten unsere Vorfahren ihrer Reise an. Für viele sollte es zur Fahrt in die Ewigkeit werden. Der Tod war plötzlich kein Einzelschicksal mehr unter den Auswanderern, sondern alltäglich.

Auf See fanden weitere 36 Auswanderer ein Grab auf dem Grunde des Ozeans. Offensichtlich hatten sich manche Auswanderer schon in Amsterdam angesteckt, wo schließlich Krankheiten wie Gelbfieber aus Seehäfen verschiedener Kontinente eingeschleppt wurden. Wegen der Ansteckungsgefahr wurden die Toten unverzüglich dem Meer übergeben. Zum Abschied blieb wenig Zeit. Zuerst wurden die Verstorbenen in ein Segeltuch genäht. Nach einer kurzen Andacht und dem "Vater unser" wurde das Kopfende der Bahre angehoben. Wer konnte, erwies dem Toten die letzte Ehre. Dann fiel mit einem dumpfen hohlen Ton der leblose Körper hinab ins Meer.
Die Toten wurden so verabschiedet, wie sie es sich bestimmt nicht gewünscht hätten. Ihre Namen wurden nicht in Stein gemeißelt. Man übergab sie dem Meer, ohne Kranz und ohne Blumen. Ein letzter Gruß, dann war alles vorbei.

Künftig gab es für die Trauer der Familie keinen örtlichen Bezug. Gefühle wie Verzweiflung, Einsamkeit, Leere, Wut, Angst und Schmerz als Folge der Trauer, mit der diese Menschen teilweise nicht umgehen konnten, belastete sie vermutlich unbeschreiblich. Kein aufrechtes sinnbildliches Zeichen für die Auferstehungshoffnung, an dem man zu seinem nahen Anverwandten beten konnte. Kein Trost spendender Ort für die Hinterbliebenen, kein Ort des Gedenkens."

In einem Reisetagebuch lesen wir: "Die arme Mutter hatte mit diesem kranken Kinde schwer ausgestanden. Sie weinte bitterlich, dass ihr heimatloses Söhnchen im tiefen Meere ein Raub der Fische werden müsse. Der Anblick wo eine solche Leiche den Wellen hingegeben wird, ist Herz ergreifend und wer das Schicksal hat seine Angehörigen auf einer Seereise zu verlieren, empfindet doppelt, wenn er auf solche Weise die letzten Überreste seiner Lieben in das nasse Grab versenken sieht. "Krankenlokale" wurden täglich ausgeräuchert, um die Gesundheit der übrigen Leute auf dem Schiff zu erhalten.
Einige litten furchtbar und starben an Blattern für welche es keine Medikamente an Bord gab. Standartmedikamente an Bord waren lediglich Salmiak, Brust- und Nierentee sowie die Allheilmittel Rizinusöl und Bittersalz".

Bild 4 (Helmut Kuhn)

Endlich! Nach 6 Monaten erreichte das Auswanderschiff Rio! Wer schon einmal den Zuckerhut und Corcovado erlebt hat, kann nachvollziehen, was unsere Hunsrücker empfanden, als sie in die Guanabara Bucht von Rio de Janeiro segelten. Sie waren endlich im Land ihrer Träume angekommen und hatten als Überlebende die unsäglichen Strapazen der Atlantiküberquerung überstanden. Fortan waren sie Kolonisten. Dies stand schwarz auf weiß mit großen Lettern auf der Urkunde, die sie ausgehändigt bekamen.

Während der Wartezeit auf die Weiterreise in die "Deutsche Kolonie" mussten auf dem dortigen Friedhof noch 8 Verstorbene, sechs Kinder und zwei Erwachsene beigesetzt werden, ohne sichtbare Zeichen der Erinnerung. Auch ihre Namen wurden nicht in Stein gemeißelt. Kein Ort, an dem Trauernde mit ihren Verstorbenen reden, beten und sich an sie erinnern konnten... Es waren:

  • Die zweijährige Maria Hetzel aus Dickenschied.
  • Die vierjährige Maria Martini. Ihre Mutter und ihre einjährige Schwester ruhen auf dem Meeresgrund.
  • Die dreijährige Philippina Kaiser aus Simmern.
  • Die dreimonatige Maria Augustin aus Mörschbach.
  • Die zweijährige Katharina Kiebenisch aus Seesbach und ihr Vater fanden ihr nasses Grab.
  • Die zweijährige Susanna Fritsch aus Lötzbeuren sowie ihre siebenjährige Schwester wurden dem Meer übergeben.
  • Die dreiundsechzigjährige Philippina Kaiser aus Simmern.
  • Und die vierunddreißigjährige Maria Hexel aus Hausen.
Bild 5 (Helmut Kuhn)

Nach mehr als 180 Jahren trafen sich Nachfahren der 5. Generationen der Nachkommen des Auswanderer Johann Adam Kuhn *1785 und ein heute in Mann­heim lebender Abkömmling des Dorfschmiedes von Hahn/Hunsrück, jenes im Land gebliebenen Bruders Anton (*1781). Es war selbstverständlich, dass man gemeinsame Erkundungsreisen durch Rio Grande do Sul unternahm. (Bild 6)

Als "Deutschländer" zieht man unwillkürlich Vergleiche zu den Friedhöfen in der Heimat. Mehrfach fanden sich noch die Gräber von Einwanderern, die stolz von ihren Nachfahren auch nach 180 Jahren als Denkmal der eigenen Familiengeschichte in Ehren gehalten werden. Der Friedhof als kulturhistorischer Ort! Für Familien- und Einwanderungsforscher ist er tatsächlich eine bedeutende Quelle von Zeugnissen in Stein gemeißelt.

Man erlebt, dass die Auswanderer ihre gebräuchliche, heimatliche Bestattungskultur und gängige Grabformen mit nach Südamerika nahmen. Nachfolgende Generationen erkennen dabei, dass Grabsteine in Stein gemeißelte Genealogie sind und zugleich eine wichtige und individuelle kulturelle Funktion erfüllen. Sie sind Zeugen des Totenkults der Kulturen, erzählen Geschichten und erschließen Welten. Meist waren die ersten Grabsteine aus speziellen Sandstein-Felsen, die leicht zu bearbeiten waren.

Bild 6 (Helmut Kuhn)
Bild 7 (Helmut Kuhn)
Bild 8 (Helmut Kuhn)

Oft Iliest man den Geburtsort in Deutschland oder sieht einen Anker auf dem Grabstein. Nicht immer ist die Friedhofsgemeinde auch der Sterbeort.

Ich lernte bei meinen Nachforschungen, dass Friedhöfe nicht nur traurige Orte sein müssen, sondern auch historische Plätze mit kulturellem Wert. Ein Freund meinte hierzu: "Wie können wir eine Zukunft haben, wenn wir die Vergangenheit unserer Ahnen nicht erfassen". (Bild 7)

Bei früheren Besuchen in Sao Paulo hatte ich einige Begräbnisstätten am Rande der Straße bemerkt. Man hat sie wahrgenommen. Ich erinnere mich an einen Friedhof nahe der Autobahn bei Sao Paulo. Die Recherchen ergaben, dass dieser Friedhof eng mit der veränderten Bestattungskultur der Einwanderer verbunden war und Friedhofsgeschichte geschrieben hat. Die damalige Staatsreligion war ausschließlich katholisch und es war mancher Orts Tradition, die Menschen in der Kirche zu bestatten. Nur Katholiken hatten dieses Vorrecht. Ein Ereignis setzte die Diskussion in Gang, als ein beliebter, aus Deutschland stammender Hochschullehrer starb. Weil er Protestant war, sollte er auf dem Grabplatz der Gehängten beigesetzt werden. Seine Studenten kämpften und sorgten für eine würdigere Grabstätte. Der Staat reagierte darauf und ein kaiserliches Dekret regelte die Fragen der Grabstätten in einer bedeutenden Reform für die Zukunft neu. In seinem Buch: Reisen durch Südamerika, schrieb Johann Jakob von Tschudi zu diesem konkreten Fall des Gründers der brasilianischen Burschenschaften:
"Unter dem Steine ruht ein Deutscher aus edler hochangesehener Familie, der unter dem, pseudonymen Namen "Julius Frank" aus Gotha als Professor der Geschichte an der Universität angestellt war und im Jahre 1841, erst 32 Jahre alt, starb. Da er Protestant war, verweigerten die Geistlichen der Leiche das Begräbniss auf dem katholischen Kirchhofe, und da es zu jener Zeit noch keinen protestantischen Friedhof in Säo Paulo gab, so beerdigten die Studenten den hochverehrten und sehr geliebten Lehrer an dieser Stelle und setzten ihm ein ehrende Denkmal."

Unsere Einwanderer in der deutschen Kolonie Rio Grande do Sul bestatteten in den ersten Siedlerjahren ihre Angehörigen auf eigenem, privaten Grund und Boden ihrer Kolonie.
Später entstanden Friedhöfe bei der Konfessionen in den Gemeinden und rund um deren neu erbauten Kirchen und meist an den Hauptstraßen gelegen. (Bild 8)

Am Beispiel Jakob Altmayers und seiner Frau Magdalena geb. Kuhn kann gezeigt werden, auf welche Weise der Toten gedacht wurde:

  • Jakob wurde 1807 in Dillendorf geboren und seine Ehegattin 1814 in Sohren, also im einstigen Arrondissement Simmern des Kantons Departement de Rhin-et-Moselle.
  • Alle standesamtlichen Eintragungen erfolgten zu dieser Zeit in französischer Sprache. Es galt der Code civil (1804-1815), bekannt als Code Napoleon.
  • Der Landkreis Simmern wurde im Jahr 1816 eine vom Königreich Preußen geschaffene Verwaltungseinheit.

In den Kirchenbüchern finden sich die familiären Wurzeln der beiden. Bei Jakob Altmayer gehen sie 3 Generationen zurück bis 1736 nach Oberkirn (Daniel Altmayer). Die Vorfahren von Magdalena Kuhn reichen 5 Generationen zurück bis 1661 (Peter Kuhn Denzen).

Das Ehepaar ist 1901 verstorben, Johann wurde 94 Jahre alt, seine Frau erreichte das 87. Lebensjahr. Beerdigt wurden beide auf dem katholischen Gemeindefriedhof zu Hamburgio Velho. (Bild 10). Die Familie einer ihrer Töchter holte die Grabplatte später für ein Familiengrab einer nachkommenden Generation zu sich. Die 21 genealogischen Daten auf diesem Grab sind fast schon der Beginn eines Familienbuches.

Jakob und Magdalena Altmayer (Helmut Kuhn)
Bild 9 (Helmut Kuhn)
Bild 10 (Helmut Kuhn)

Aus dem "Katholischen Familienfreund", erschienen 1928 in Brasilien, wissen wir: Beide vermählten sich ein halbes Jahr nach der Ankunft in Brasilien am 24. Juni 1828.

Sie heiratete ihn mit 14 Jahren, damit der junge Mann als Verheirateter mit ihr eine "Kolonie" in der "Schwabenschneis" bekam, also im Tal und nicht im Urwald seinen Bauernhof anlegen und bewirtschaften konnte.
Sie hatten 13 Kinder. Nach 100 Jahren hatten Jakob und Magdalena 1005 Nachkommen, wie der "Farnilienfreund" bezeugt (Bild 11): Jakob, der Bruder von Magdalena Kuhn, zog später nach Estrela weiter. Er brachte es nach 100 Jahren auf 629 Nachfahren. Somit gab es nach einem Jahrhundert 1634 Nachfahren von Johann Adam Kuhn und Katharina Hess.

Durch andere Quellen ist bezeugt, dass "Altmayer, Heinrich Jakob, Schumacher aus Dillendorf, * Ohlweiler 25.11.1807, + Hamburgo Velho 03.03.1901, Besitzer des "Lote co/onial nr. 2" (Kolonie) in Novo Hamburgo war."

Später baute sein Sohn Johannes ein Haus auf dem ehemaligen Bauernhof, das bis vor kurzem noch bestand, an der General Osorio-Straße, Nr. 49. Heinrich Jakob Altmayer spendete der katholi­schen Gemeinde zu Hamburgio Velho ein Landstück, auf dem der Friedhof und der Kirchenplatz errichtet worden sind. Auf diesem Friedhof wurde er zuletzt auch beerdigt (Hunsche; Leopoldo Petry). Durch folgende Zeitungsnotiz steht fest, dass die Altmayers und die Familie Kuhn heimlich nach Brasilien ausgewandert sind (Bild 12).

Bild 11 (Helmut Kuhn)
Bild 12 (Helmut Kuhn)

Carlos Kuhn, die Familien-Klammer zwischen den Kontinenten (Bild 13)

Es war im Jahre 1926, als die Familie meiner Großeltern in Hahn/Hunsrück Besuch aus Brasilien bekam. Carlos Kuhn, der Urenkel des Auswanderers Johann Adam Kuhn war durch Grundstücke und eine Mühle wohlhabend geworden und lebte in Linha de Gloria. Er war Besitzer mehrerer Teeplantagen. In Rio Grande do Sul war er bekannt wie ein "Bunter Hund". Sie nannten ihn den Bienenkönig, weil er die Bienenzucht in großem Umfang betrieb.

Bei der Geburt seines 11. Kindes verstarb seine Frau (Bild 15). Er suchte verständlicher Weise eine Ehefrau für die Versorgung seiner Kinder und die Absicherung seines Alters. Da machte er sich auf die Brautschau nach Europa auf und kam unter anderem auch auf den Hunsrück. Eine Schwester meines Großvaters hatte er im Visier. Aber sie gab ihm einen Korb, blieb im Lande und ernährte sich redlich. Danach machte er noch eine Rundreise durch exklusive Badeorte Österreichs und der Schweiz. Als ihm das Geld knapp zu werden drohte, nahm er statt einer Frau aus Deutschland einen damals modernen Ford T4 mit dem Schiff nach Bom Retiro/Brasilien. Es soll das erste Auto in der Region gewesen sein.

Beim Rundgang über den Friedhof von Linha Gloria, Bez. Estrela, fanden wir unverhofft einen Mosaikstein in der Familiengeschichte von Pater Darci. Seine Mutter, Maria Olga Kuhn *1913, war Tochter von Carlos Kuhn und Enkelin in 4. Generation vom Einwanderer Johann Adam Kuhn. Sie heiratete Raymundo Dutra *1912, dessen Familie von den Azoreninseln eingewandert ist und sich unter den deutschen und italienischen Einwanderer niederließ. Man sprach Deutsch untereinander. "An dieser Stelle ruhte AMARO DUTRA (1856-1926), der Onkel von P. Darcis Großvater José Pedro DUTRA", verkündet die Inschrift des Grabkreuzes.

Bild 13 (Helmut Kuhn)
Bild 14 (Helmut Kuhn)
Bild 15 (Helmut Kuhn)
Bild 16 (Helmut Kuhn)

Die Tragödie der Mucker

Zwischen Ferrabraz und dem Hamburgerberg in der "Kolonie" gab es den sog. Leoner Hof des deutschen Bauern Johann Georg Maurer. Er war bis weit nach Porto Alegre bekannt als Wunderdoktor und hatte auch Erfolge bei der Heilung der Siedler mit Hilfe von pflanzlichen Medi­kamenten. Schnell hatte er ein kleines Krankenhaus auf seinem Hof. Irgendwann kam man auf die Idee, dass seine Ehefrau Jakobine Maurer eine Hellseherin und mit göttlichen Kräften begabt sei.

Bald hatte sie zahlreiche Anhänger, die die "neue Prophetin" verehrten und glaubten, sie heilte ihre Seele. Die Sekte war als "Mucker" bekannt. Irgendwann gab es in dem Land, das schließlich in Europa mit Religionsfreiheit warb, deswegen Mord und Totschlag und am 28. Juni 1874 griff die Polizei ein. Diese beklagte auf ihrer Seite 39 Opfer, während die Mucker, die erbitterten Widerstand geleistet hatten, sechs Tode verzeichneten. Die Tragödie ging in die Geschichte ein und die Grabstätten sind erhalten und werden heute noch reichlich besucht.

Franz Kuhn

Manchmal war das Leben in Südbrasilien nicht ungefährlich, wie uns die Lebensgeschichte von Franz Kuhn belegt. Edgar Reitz liess in seiner Filmreihe "Heimat" das Korbmachers Hänsje sagen: "En anständische Hunsrücker hat verwandte in Brasilje un im Ruhrgebiet." Das war auch in unserer Familie so. Ein Bruder vom Großvater gründete seine Familie im Ruhrgebiet. Irgendwann belegten Studien, dass ein weiterer Kuhn aus Hahn an die Ruhr emigrierte. Im Zuge der Industriali­sierung übersäten binnen weniger Jahre Zechen, Kokereien, Eisenhütten und Stahlwerke das Land an der Ruhr. Unsere Hunsrücker ließen sich um Herne nieder. Ein Nachkomme dieses Familienzweiges, der 1901 in Schalke geborene Franz Kuhn, wanderte mit 23 Jahren nach Brasilien aus. Am 26. April 1929 starb er durch Mörderhand. Sein erstes Kind war gerade 4 Wochen alt.

Bild 17 (Helmut Kuhn)
Bild 18 (Helmut Kuhn)

Unsere argentinische Verwandtschaft In den frühen zwanziger Jahren setzte eine Weiterwanderung von Südbrasilien in die argentinische Provinz Misiones ein. Auch Nachkommen der Siedler, welche einst vom Hunsrück nach Brasilien wanderten, zogen weiter in das Nachbarland. Darunter war der Urenkel von Paul Kuhn mit seiner Frau Emma Catharina Alles. Pedro Kuhn wird heute noch als Mitbegründer von Puerto Rico verehrt.
Nach ihm ist eine Straße benannt. Beide hatten insgesamt 11 Kinder und bei einer der letzen Zählungen kam man auf geschätzte 300 Kuhne. In den letzten Jahren fanden gegenseitige Kontakte zwischen den Familien statt.

Trauerbegleitung

Wenn der Tote im eigenen Haus verstorben war, erfolgte eine Aufbahrung im Kreise der Angehörigen oder an einem öffentlichen Ort. Die Trauerfeier und Beer­digung erfolgten unter der Anteilnahme der Verwandtschaft, Nachbarschaft und von Freunden. Wenn ein Bestatter für das Herrichten des Toten zuständig war, kümmerte dieser sich zugleich um Sarg, Dekoration, das Ambiente um den Verstorbenen und die standesgemäße Aufbahrung. 1864 schrieb Franz Epp über seine Reiseerlebnisse durch Rio Grand do Sul:

"Der Leichenwagen sah aus wie eine altmodische Staatskutsche, roth mit vergoldeten Schnitzwerk Kutscher und Lakay in dreieckigem Hut, Frack den Degen an der Seite kurzen Hosen seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen. Die deutschen Bürger Porto Alegres gaben dieser Leiche das Geleite zu Pferd. Der Kirchhof von Porto Alegre liegt eine starke halbe Stunde von der Stadt sehr schön am Abhange des Gebirges."

Man war sich unter den Zuwanderern einig, die traditionelle heimische Bestattungskultur zu pflegen und beizubehalten. Das fanden wir immer wieder an würdigen Grabstätten, welche den Dahingeschiedenen ein Anrecht auf Gedenken und Erinnerung sichern sollte. Die zahlreichen Plastikblumen auf den Gräbern sind der großen Hitze geschuldet.

Es ist selbstverständlich, dass zu dieser Kultur auch das Handwerk aus der Heimat gehörte. Der Schreiner war ein gefragter Handwerker in den Aufbaujahren. Als Stellmacher (Acker-und Kutschenwagen), Möbelschreiner und Sargtischler.

Da war es dann auch üblich, dass der Schreiner das Bestattungswesen vor Ort mitbetrieb und für den Sarg und die Aufbewahrung sorgte. Auch der Brauch, Grabmäler auszugestalten, war ein altes Handwerk aus der Heimat. Diese Arbeit besorgten Steinmetze, wie die unten stehenden Zeitungsanzeigen belegen.

Bild 19 (Helmut Kuhn)
Bild 20 (Helmut Kuhn)